Der Roman

Mord mit drei Sternen

Michael Böckler antwortet auf Fragen zur Recherche, zu Hungergefühlen und unterdrückten Mordgelüsten.

 

Ihre Romane spielten bislang auf Mallorca, in Frankreich und immer wieder in Italien. Warum jetzt plötzlich Deutschland?

Ich habe Deutschland aus zutieft egoistischen Gründen gewählt. Ich wollte einfach mal deutschen Spitzenköchen über die Schulter sehen, in einem Strandkorb auf Sylt über einen Mord nachdenken und bei deutschen Winzern Weine verkosten. Das ist das Privileg eines Autors, dass die Romanfiguren seinen Gelüsten folgen müssen – ob sie wollen oder nicht, sonst werden sie umgebracht.

Eine Ihrer Romanfiguren ist ein italienischer Feinschmecker, der bei deutschen Restaurants mit Schaudern an Pfälzer Saumagen denkt und an die Mutation von Ravioli zu schwäbischen Maultaschen. Hat es Ihnen Spaß gemacht, die deutsche Küche durch die italienische Brille zu glossieren.

Ich fand es ausgesprochen vergnüglich, mich in einen chauvinistischen Italiener hineinzuversetzen, der Deutschland für ein kulinarisches Entwicklungsland hält, sich vor Pfälzer Saumagen und Kröver Nacktarsch fürchtet, dann im Laufe der Handlung eines Besseren belehrt wird – bis er mit der kargen Gefängniskost konfrontiert wird, die ihn an Dantes Inferno erinnert.

Die Recherchen für einen Krimi in der Spitzengastronomie waren sicherlich anstrengend. In wie vielen Sternerestaurants mussten Sie essen?

Man unterstellt mir häufig, dass die Recherchen für meine Bücher vor allem aus Essen und Trinken bestehen. Das ist leider nur zum Teil richtig. Jedenfalls habe ich nicht in allen Sternerestaurants gegessen, die im Anhang meines Buches aufgeführt sind, gleiches gilt für die Degustation der Weine. Dieser „Rechercheaufwand“ wäre schon aus Kostengründen kaum zu rechtfertigen – und wohl auch medizinisch bedenklich. Aber die Restaurants, die im Roman als Locations vorkommen, habe ich natürlich alle besucht. Gleiches gilt für die konsumierten Weine, mit einer Ausnahme: die Rosalack Riesling Auslese vom Schloss Johannisberg aus dem Jahrgang 1945 habe ich mir verkniffen.

Im Anhang Ihres Buches finden sich ausgewählte Rezepte zum Nachkochen. Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgewählt?

Zunächst mal zählt das Aufkommen von Hungergefühlen zu den erwünschten Nebenwirkungen beim Lesen. Weil man aber nicht sofort in die Lokale rennen kann, wo sich meine Protagonisten an kulinarischen Köstlichkeiten erfreuen, biete ich meinen Lesern die Chance, einige Gerichte zuhause nachzukochen. Bei dem Buchtitel ist klar: Die Rezepte stammen ausnahmslos von Sterneköchen, sind also eher auf der anspruchsvollen Seite, zum Teil eine wirkliche Herausforderung. Ich rechne durchaus mit verzweifelten Leserreaktionen, hoffe aber auch auf viele Erfolgsmeldungen. Jedenfalls freue ich mich, dass alle mitgemacht haben: Harald Wohlfahrt, Johannes King, Alfons Schuhbeck, Juan Amador, Mario Gamba, Sven Messerschmidt und Anibal Strubinger.

In einem Kapitel wird ein Fernsehkoch umgebracht. Was hat Sie dazu veranlasst?

Ich habe bei Lesungen häufig die Anregung bekommen, einen Fernsehkoch umzubringen. Was jedesmal mit großem Beifall bedacht wurde. Offenbar setzt die Übersättigung mit Kochsendungen irrationale Agressionen frei. Jedenfalls habe ich dem Wunsch meiner Leser entsprochen und sozusagen als „Auftragskiller“ einen Fernsehkoch abserviert. Dabei habe ich natürlich versucht, jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen zu vermeiden.

Wie passt Ihr Buch rund um teures Essen und Trinken zur Finanzkrise?

Hervorragend: Denn wer sich in Zeiten der Finanzkrise ein teures Essen in einem Sternerestaurant sparen will, kann einfach mein Buch lesen und in der Phantasie an den kulinarischen Genüssen meiner Romanfiguren teilhaben. Sozusagen als literarische Ersatzbefriedigung. Dabei kostet mein Buch nur ein Bruchteil eines Gourmet-Menüs, es dauert länger und ist hinterher nicht weg. Auch bleibt man schlank und bekommt keinen Kater.

Im Ernst: Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat mich sozusagen beim Schreiben überholt. Bei den ersten Zeilen war sie noch nicht da – und bei Manuskriptabgabe leider noch nicht vorbei. Und obwohl sich die Krise natürlich auch auf die Spitzengastronomie auswirkt, habe ich keine direkten Bezüge darauf genommen. Aus mehreren Gründen: Denn erstens wird es mein Buch hoffentlich länger geben als die Finanzkrise. Zweitens sind Sternerestaurants recht unterschiedlich davon betroffen, manche spüren sie stark, andere fast gar nicht. Drittens gibt es unter fast allen Spitzenköchen einen ungebrochenen Ehrgeiz, in den Restaurantführern möglichst gut abzuschneiden – was in meiner Geschichte eine wesentliche Rolle spielt. Daran hat sich nichts geändert.